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Zur Seinsfrage der Ueberflaeche

Fläche, Oberfläche, Ueberflaeche - eine moderne Trilogie des Unfassbaren. Eine verdreilichte Eins-sicht in das, was ist. Das Subjekt, also Du und ich, ist selber die Ueberflaeche und damit unfähig sich selbst zu erkennen. Die Ueberflaeche kann überhaupt nicht unabhängig vom Subjekt da sein - und umgekehrt. Geht man davon aus, dass es nur ein Sein gibt (schon weil das Wort Sein keinen Plural bildet), so ist jede Perspektive des Eins-Seins identisch mit sich selbst. Das aber ist nicht aussagbar ohne ein zumindest theoretisches Nicht-Eins-Sein. Beides, Einheit und Vielheit, sind daher nur scheinbare Aspekte eines Unbekannten, von dem man weder sagen kann, dass es existiert, noch dass es nicht existiert, weil beide Konzepte, Existenz und Nicht-Existenz, erst "später" auftauchen. Aber schon ihr Auftauchen als solches rückt das Subjekt in ein unerkennbares "Vorfeld", das jenseits von Sein und Nichtsein weder ist noch nicht ist. In diesem Sinne ist die Ueberflaeche in der Tat weder das, was ist, noch das, was nicht ist. Aber auch kein Symbol für etwas anderes, weil das andere auch sie selber ist, ohne dass wir entscheiden könnten, ob sie existiert oder nicht.

"Alles was ich sage, ist ein Konzept. Das einzige, was unzweifelhaft ist, ist, dass ich vor allen Konzepten bin ... dass ich kein Konzept bin. Und dass ich bin. Als was auch immer. [Ueberflaeche] . Ich muss sein, um von einem Konzept überhaupt reden zu können. Dafür muss ich vor dem Konzept sein." (Karl Renz, Das Buch Karl. Erleuchtung und andere Irrtümer, S. 32)

Deswegen sind wir selber auch identisch mit der Ueberflaeche bei gleichzeitiger Aufhebung der Subjekt-Objekt Grenzen. Jede Darstellung ist ja Selbstdarstellung, wie bruchstückhaft auch immer, denn das Bruchstück ist nicht "wirklich" abgebrochen, sondern mit dem Ganzen ebenso identisch wie das Ganze mit dem Teil: die Ueberflaeche ist einzig, unteilbar, jenseits aller Kopnzepte, auch der Konzepte von Sein und Nicht-Sein. Schon im alten Indien heißt es zum Beispiel im Atharvaveda (16.3), daß Varuna, der Gott der Gewässer, das ganze Meer durchdringt, aber auch in jedem Tropfen vollständig enthalten ist. Im Rigveda steht der berühmte Satz (1.164,46): ekam sad viprâ bahudhâ vadanti - "die Seher geben dem, was nur eins ist, viele Namen". Und in der Chândogya-Upanishad (3.14.3) heißt es in diesem Zusammenhang: "Dies ist mein Âtman im inneren Herzen, kleiner als ein Reiskorn... Dies ist mein Âtman im inneren Herzen, ... größer als alle diese Welten." (Hans-Georg Türstig, Die Weisheit der Upanischaden. S. 11)

Oberflächlich betrachtet mag einem die Ueberflaeche wie ein nutzloses Konzept erscheinen, ein Beitrag zu einer Komplexität, in deren Wirren sich der Verstand verliert. Aber bereits im alten Indien galt "unsere Wirklichkeit" als eine Art Projektion, als Illusion, wurde so erfahren und/oder erkannt und "maya" genannt, auf Deutsch: "objektive Täuschung". Objektiv deswegen, weil sie nicht auf ein subjektives Versagen der Sinne beruht. Wie ein proijiziertes Bild sich faltenlos und lückenlos an eine Leinwand anschmiegt und damit zu einer Art Ueberflaeche wird, die nichts verdeckt, sondern im Gegenteil enthüllt und offenbart, so erleben wir die projizierte Wirklichkeit als real. Das projizierte Bild ist damit ueberflaechig (und keineswegs überflüssig), mit sich selbst identisch, virtuell. Und das gilt auch für die Projektionsfläche. Mit anderen Worten, die Projektionsfläche ist dieselbe Ueberflaeche wie das projizierte Bild. Was "hinter" der Ueberflaeche da ist, ist von der Ueberflaeche nicht trennbar und auch nicht verschieden. Das Subjekt verliert sich ebenso in der Ueberflaeche wie das Objekt, und die Ueberflaeche ist damit auch die Beseitigung der Dualität von Subjekt und Objekt, deren Aufhebung und Identität. Deswegen kann es auch nur eine Ueberflaeche geben, von der wir aber, wie oben schon angeregt, weder sagen können, dass sie existiert noch dass sie nicht existiert. Denn beide Konzepte - existieren und nicht existieren - sind identisch mit der Ueberflaeche, vielleicht sogar Projektionen, jedenfalls aber vor, hinter oder unter allem Sein und Nicht-Sein. Das bedeutet aber eben nicht, dass da etwas existiert. Die Ueberflaeche verdeckt ja gerade eben nicht etwas, was außerhalb ihrer selbst da-ist, sondern sie ist mit sich selbst und mit allem Denk- und Undekbaren identisch. In dieser ueberflaechlichen Identität mit sich selber liegt dann eben jenes Geheimnis, von dem die Menschen schon immer träumten. Dieses Geheimnis ist und bleibt gerade deswegen ein Geheimnis, weil es nicht wissbar ist. Wissbar ist nur das, was nach außen projiziert scheinbar vom wissenden Subjekt verschieden ist. Die Ueberflaeche ist aber gerade nicht verschieden von, sondern identisch mit sich selbst, und außerhalb ihrer selbst kann es weder etwas geben noch nicht geben. Die Ueberflaeche reicht damit über alle zeitlichen und räumlichen Grenzen hinaus, Grenzen, die es weder gibt noch nicht gibt.

Wir können das nicht verstehen, weil auch wir ja die Ueberflaeche sind, die sich selber nur in einer Projektion aus sich selbst heraus erkennen kann. Diese Projektion ist aber sowohl eine Illusion, also nicht real, als auch die Ueberflaeche selber, die sich selbst auf sich selbst projiziert. Abschließend kann man daher feststellen, dass es eine solche Projektion nur dann gibt, wenn es sie nicht gibt. Denn sobald es sie gibt, entsteht auch das Projizierte und die Illusion, dass es außerhalb der Ueberflaeche etwas gäbe, das projiziert werden kann. Da aber das Konzept "außerhalb" auf die Ueberflaeche angewandt keinen Sinn ergibt, weil alles außerhalb der Ueberflaeche eben die Ueberflaeche selbst wäre, kann es auch keine Projektion geben. Die Projektion auf die Ueberflaeche und die Ueberflaeche selber sind daher identisch und identisch mit sich selbst.

 

Hans-Georg Türstig

23. September 2004